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Chernobyl +20: "The victims should not have died for nothing"

Natalia Manzurova, liquidator having worked 4,5 years in Chernobyl, says we should not forget the catastrophe at WECF and LIFE press event (text in German)

25.04.2006 |Johanna Hausmann (in Kooperation mit Journalisten Akademie Hooffacker & Partner München)




DOWNLOAD THE ENGLISH VERISION OF THE INTERVIEW WITH NATALIA MANZUROVA.



20 Jahre Tschernobyl

„Die Opfer sollen nicht vergebens gestorben sein“


Die Tschernobyl  Liquidatorin und Radiobiologin Natalia Manzurova berichtet auf zwei Veranstaltungen von WECF in München über Tschernobyl und seine Folgen

Das Medienaufkommen im Münchner Presseclub war groß als Natalia Manzurova
vom Umgang ihres Landes und ihren eigenen Erfahrungen mit der Katastrophe von Tschernobyl berichtete.  „20 Jahre Tschernobyl – wir waren da, als unser Land uns brauchte“  war Thema des Gesprächs, zu dem WECF Natalia Manzurova, eine der überlebenden Liquidatorinnen nach München geladen hatte. Dass Frauen die Atomkraft besonders kritisch sehen, erläuterte Ulrike Röhr von genanet/life e.V., Herausgeberin des neuen Buchs „Frauen aktiv gegen Atomenergie - wenn aus Wut Visionen werden“. Es bietet eine Plattform für Frauen, die heute wie damals gegen das atomare Risiko kämpfen.

Natalia Manzurova, eine zierliche Frau mit wachen Augen, arbeitete als Radiobiologin in einer Behörde in Ozersk, die sich mit den Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf Mensch und Umwelt beschäftigte. Als am 26.April 1986 Block Vier des Kernkraftwerks Tschernobyl in die Luft flog und den bis heute größten anzunehmenden Unfall in der Geschichte der Atomenergie auslöste, schickte die Regierung das Wissenschaftsteam von Ozersk an den Ort der Katastrophe. Ab dem 4. Mai 1986 untersuchten die Wissenschaftler die Auswirkungen des Reaktorunglücks auf Tiere und Pflanzen in der 30km-Sperrzone um den Unfallort. Natalia Manzurova leitete die Aufräumarbeiten. Große Sorge bereitete es, verstrahltes Material aus den mehr als 400 temporären Lagerstätten in die Endlager für mittel- bis schwer verseuchtes Material zu bringen. Aber auch die Verantwortung für die Arbeiter lasteten schwer auf Natalia Manzurova.

Zum Nachdenken blieb keine Zeit

„Als wir nach Tschernobyl gingen, wusste ich, dass wir unsere Gesundheit, ja sogar unser Leben riskierten. Wir waren bestens ausgebildet und Experten auf dem Gebiet radioaktiver Strahlung. Wer, wenn nicht wir, hätte versuchen sollen noch Schlimmeres am Unglücksort zu verhindern? Viel schwieriger war es für die Zivilisten, die arglos in der Zone arbeiteten, angelockt durch den finanziellen Anreiz, der auch für mich als allein erziehende Mutter einer war. Diese Haltung darf man nicht verurteilen. Das Lohnniveau in der damaligen Sowjetunion war niedrig und vielen Menschen ging es einfach schlecht “, so Natalia Manzurova. „Zum Nachdenken blieb während der Aufräumarbeiten keine Zeit. Die 15 Tage, die man in Tschernobyl und in der Zone war, wurde nur gearbeitet. Die freien 15 Tage zuhause galten vor allem der körperlichen Regeneration und der Familie. Wie stark die psychische Belastung durch den Einsatz  in Tschernobyl war, zeigte sich erst später:“


Natalia Manzurova im Eine Welt Haus in München


Atomare Explosionen haben überregionale Folgen

Der Atomunfall in Tschernobyl war nicht die erste atomare Katastrophe in der damaligen Sowjetunion. Natalia Manzurova erinnert sich: Schon 1957 gab es einen schwerwiegenden Atomunfall im Industriezentrum Majak in der Region Tscheljabinsk nahe der Stadt Ozersk, in der Natalia Manzurova aufwuchs. Ozersk ist bis heute eine „geschlossene Stadt“, errichtet als Hauptproduktionsstätte für atomwaffenfähiges Plutonium.
Nach diesem Zwischenfall wurde in den 50ger Jahren ein Wissenschaftsteam gebildet, das Grundlagenforschung zum Umgang mit der Atomenergie betrieb. Natalia Manzurova bedauert, dass die Untersuchungsergebnisse geheimgehalten wurden. Sie wären für die Bevölkerung und für russische wie internationale Wissenschaftler von unschätzbarem Wert gewesen. Dabei seien die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Konsequenzen bei ziviler wie militärischer Nutzung die gleichen. Ihr Fazit: „Tschernobyl zeigt, dass eine atomare Explosion immer überregionale Folgen hat und die zivile Nutzung von Atomenergie die gleichen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen wie militärische Nutzung hat“.

Nach viereinhalb Jahren Einsatz in Tschernobyl war Natalia Manzurova Invalidin. Physisch und psychisch krank „vegetierte sie zwischen Bett, Bad und Küche“ vor sich hin. Dass sie der Tod nicht dahinraffte wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen sieht sie als Geschenk und Aufforderung ihre Erfahrungen und ihr Erlebtes sinnvoll einzusetzen. Schlecht versorgt vom Staat, dem sie gedient und ihre Gesundheit geopfert hatte - die russische Regierung hat 2005 mit dem Gesetz 122 die Invalidenrente für Überlebende gestrichen - und der sie nun lieber tot als lebend sähe, fordert sie seit Jahren gemeinsam mit anderen überlebenden Liquidatoren einen Lehrstuhl zur Erforschung der Folgen von Atomunfällen. Bisher leider vergeblich. Auch ihr Eintreten für ein Denkmal für die Opfer von Tschernobyl stieß bisher auf taube Ohren. Man spricht nicht gerne darüber, auch nicht in den Nachfolgerepubliken Ukraine und Weißrussland.

Die Liquidatoren sind krank und sterben bald

Am Abend Im EineWeltHaus erzählt Natalia Manzurova weiter, sichtlich müde aber unermüdlich. Sie hat Fotos mitgebracht. Fotos von Müttern mit Kindern, die am Tag der Katastrophe in der Sonne sitzend die Wolke über dem Reaktor bestaunen. Fotos von Ortsschildern, die im Museum einen Platz gefunden haben, weil es die Orte nicht mehr gibt – kondaminiert und ausradiert durch den SuperGAU. Sie erzählt von einem großen Friedhof, der gereinigt wurde und zu dem die Menschen einmal im Jahr zurückkehren dürfen, um ihre Toten zu besuchen. Und sie berichtet über die Situation der Liquidatoren kurz und prägnant: „Sie sind krank und sterben bald“.

„Wir waren da, als unser Land uns brauchte, erklärt sie ihren Einsatz in einer der gefährlichsten Zone der welt“. Ihr Einsatz in Tschernobyl war der der Wissenschaftlerin Manzurova. Heute, nachdem sie weiß, wie viel Leid ihr Leiden über sie und ihre Familie gebracht hat, würde sie sich als Mutter und Tochter gegen einen Einsatz in Tschernobyl entscheiden. Dennoch versucht sie mit ihrem Engagement gegen die Atomenergie und gegen das Vergessen das Beste aus ihrer Situation zu machen. „Die Opfer sollen nicht vergebens gestorben sein“.

Wenn aus Wut Visionen werden

Ulrike Röhr von genanet - Leitstelle Geschlechtergerechtigkeit, Umwelt, Nachhaltigkeit -dokumentiert in ihrem Buch „Frauen aktiv gegen Atomenergie - wenn aus Wut Visionen werden“, wie Frauen in Deutschland auf die Katastrophe von Tschernobyl damals 1986 reagierten und wie sie sich heute noch aktiv gegen das atomare Risiko engagieren. Sie stellt bei Frauen ein höheres Risikobewusstsein fest. „Sie sorgen für die Zukunft ihrer Kinder.“ Je gebildeter die Frau, umso kritischer gehe sie meist mit dem Thema Atomkraft um.

Nach dem GAU schlossen sich Frauen in zahlreichen Initiativen zusammen, beispielsweise im Verein Mütter gegen Atomkraft e.V. Dennoch seien Frauen in vielen wichtigen Veranstaltungen zum Thema Atomkraft unterrepräsentiert, sagt Ulrike Röhr. Genanet will ihnen Gehör verschaffen. Ein Ziel der Frauen: Die Energiewende, eine Umstellung der Energieversorgung auf erneuerbare Energie. „Politiker haben die Diskussion über eine verstärkte Nutzung von Atomenergie neu entfacht“, so Ulrike Röhr, „jedoch belegen Umfragen, dass die Mehrheit der Deutschen Atomkraft gegenüber kritisch eingestellt ist. Atomenergie ist ein unkalkulierbares Risiko und darf keine Zukunft haben.“

Genanet / Ulrike Röhr (Hg.)
20 Jahre Tschernobyl
Frauen aktiv gegen Atomenergie – wenn aus Wut Visionen werden
ISBN 3-8334-45592-0
19,90 EUR

Weitere Informationen zu Aktivitäten von Frauen gegen Atomenergie und zu dem Buch "Frauen aktiv gegen Atomenerige - wenn aus Wut Visionen werden" bei Genanet.


Die Veranstaltungen fanden statt in Zusammenarbeit mit: Mütter gegen Atomkraft e.V., Umweltinstitut München e.V., genanet/life e.V., Friedensbündnis München e.V., Bürger gegen Atomreaktor Garching e.V. und in Kooperation mit der Petra-Kelly-Stiftung, bayerisches Bildungswerk für Ökologie und Demokratie in der Heinrich-Boell-Stiftung e.V.