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Politische Aktivitäten

Landwirtschaftliche Artenvielfalt und ländliche Entwicklungspolitik

WECF nimmt an den folgenden politischen Prozessen teil, die sich ganz oder teilweise mit den Themen Artenvielfalt und Entwicklung des ländlichen Raumes befassen. Die Übersicht ist gegliedert nach

  • politischen Prozessen der EU

  • politischen Prozessen der UN

Wir sind überzeugt von den Schlussfolgerungen des Weltagrarberichts von 2008: Die internationale Bewertung der landwirtschaftlichen Forschung und Technologie für Entwicklung (International Assessment of Agricultural Science and Technology for Development, IAASTD) sollte allen politischen Entscheidungsträgern die Augen öffnen. 58 Länder haben die Schlussfolgerungen dieses Berichts bereits angenommen. IAASTD ist in Fachkompetenz und Funktionsweise vergleichbar mit dem IPCC (International Panel on Climate Change). Allerdings haben bisher nur wenige EU-Staaten die Schlussfolgerungen des Berichts umgesetzt. Der Bericht des IAASTD ruft Regierungen und internationale Agenturen dazu auf, finanzielle Mittel so umzuleiten und zu erhöhen, dass sie eine eindeutig ökologisch orientierte Revolution in der Landwirtschaft unterstützen. Die Kernbotschaft des abschließenden IAASTD-Berichts lautet: Es ist dringend notwendig, sich von der destruktiven und chemikalienabhängigen industriellen Landwirtschaft abzuwenden und moderne Anbaumethoden einzusetzen, die die Erkenntnisse der ökologischen Forschung berücksichtigen, die Artenvielfalt erhöhen und den lokalen Gemeinschaften nutzen. Ausreichende und bessere Nahrungsmittel können auch produziert werden, ohne dass Bewohner des ländlichen Raums ihren Lebensunterhalt verlieren oder ländliche Ressourcen zerstört werden. Lokal, sozial und ökologisch verantwortliche Methoden sind die Lösung. Technologien wie Genmanipulation lösen, so die IAASTD, Probleme wie explodierende Nahrungsmittelpreise, Hunger und Armut gerade nicht.

Wir sehen es mit Sorge, dass der organische Anbau zwar zunimmt, gegenüber dem konventionellem Anbau aber noch immer nur einen kleinen Marktanteil ausmacht. Das liegt unter anderem an den geltenden Handelsvereinbarungen. Nach den Regeln der Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO) lassen sich Umweltstandards schwer umsetzen. Manche Gesundheitssstandards werden im Codex Alimentarius reguliert, aber dieser Vertrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat keine bindende Wirkung. Das Arbeitspapier „Organischer Landbau und Nahrungssicherheit“ (Organic Agriculture and Food Security) der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation (Food and Agriculture Organization, FAO) der UN, das auf der Internationalen Konferenz zu Ökologischem Landbau und Nahrungssicherheit (International Conference on Organic Agriculture and Food Security) in Rom vom 3. bis 5. Mai 2007 präsentiert wurde, kommt zu folgenden Schlüssen: Organischer Landbau hat das Potential, die globale Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen genau wie konventionelle Landwirtschaft heute, allerdings mit erheblich reduzierten negativen Umwelteinflüssen. Dieses Potential zu nutzen ist vor allem eine Frage des politischen Willens.

Mit Sorge haben wir auch die Ergebnisse einer von der UN veranlassten systematischen Überprüfung der Umweltqualität der weltweiten Ökosysteme (Millennium Ecosystem Assessment, MEA) zur Kenntnis genommen. Die Studie ergab, dass Europas Ökosysteme stärker durch menschliche Aktivitäten fragmentiert sind als die jedes anderen Kontinents. Diesbezüglich verlangt der Aktionsplan zur Bewahrung der Artenvielfalt (Biodiversity Action Plan der EU), dass Projekte, welche die EU finanziell unterstützt, ihren Einfluss auf die Artenvielfalt minimieren und sie, wo immer möglich, fördern müssen. Besonders gilt das für den Strukturfonds der EU, eine wichtige Finanzquelle für Infrastrukturinvestitionen und große Entwicklungsprojekte in ganz Europa. Sein Finanzvolumen beträgt 347 Milliarden Euro innerhalb von sieben Jahren. Wo Schäden sich nicht vermeiden lassen, müssen die Projekte zumindest garantieren, dass die Verluste kompensiert oder durch mehr Artenvielfalt anderswo ausgeglichen werden. Nur so lässt sich eine weitere signifikante Degradierung, Fragmentierung und Beschädigung der Artenvielfalt in Europa vermeiden.

EU-Prozesse

WECF konzentriert sich auf die Implementierung und Verbesserung folgender EU-Programme und –Prozesse:

  • EU-Biodiversitätsprogramme mit Laufzeit über 2010 hinaus

  • EU-Ratsentscheidung 2006/144/EC vom 20. Februar 2006 mit strategischen Richtlinien für die ländliche Entwicklung

  • Gemeinsame Agrarpolitik der EU (Common Agricultural Policy, CAP)

  • Strategische Richtlinien der Gemeinschaft für die ländliche Entwicklung (Programmperiode 2007 bis 2013, 2006/144/EC)

Bauernhöfe und Wälder bedecken den größten Teil der Landfläche Europas. Sie sind essentiell für unsere Gesundheit und Wirtschaft. Landwirtschaft ist noch immer eine der dominanten Landnutzungsformen in Europa. Fast die Hälfte der Fläche Europas ist mit landwirtschaftlichen Anbauflächen bedeckt. Die Landwirtschaft hat auch wesentlich zu Europas Artenvielfalt beigetragen: Rund die Hälfte unserer Wildtierarten ist auf die eine oder andere Weise mit landwirtschaftlichen Anbauflächen verbunden. Das liegt an der Jahrhunderte dauernden landwirtschaftlichen Nutzung mit unterschiedlichsten Anbausystemen und -traditionen, die zu der heute vorhandenen vielfältigen charakteristischen agrarisch geprägten Landschaftsformen geführt haben. Jedoch hat sich die Landwirtschaft in Europa wie in anderen Teilen der Welt in der letzten Zeit gravierend verändert. Getrieben durch die auf Produktivitätssteigerung ausgerichtete Gemeinsame Agrarpolitik der EU (Common Agricultural Policy, CAP) haben viele landwirtschaftliche Betriebe ihre Aktivitäten intensiviert und hoch mechanisiert. Wer damit nicht mithalten konnte, wurde zunehmend marginalisiert. Viele Landwirte mussten ihr Land verlassen, was auch schlimme Folgen für die Artenvielfalt hatte. Heute gibt es in Europa nur noch sehr wenig extensiv genutztes Farmland mit hohem Naturwert.

Unter anderem wird eine nachhaltige ländliche Entwicklung durch fehlende Gesetze zum Einsatz gefährlicher Pestizide behindert. So werden Stoffe, das Hormonsystem stören, Krebs erregen oder neurotoxisch sind, weiterhin ungehemmt eingesetzt. Sind besonders sensible Gruppen wie Kinder solchen Stoffen ausgesetzt, kann das zu lebenslangen Gesundheitsschäden führen. So zeigte eine kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Studie, dass Kinder von Landwirten ein signifikant höheres Risiko tragen, Gehirntumore zu entwickeln. Auch fehlende Gesetze zur Verwendung genmanipulierter Organismen behindern eine nachhaltige ländliche Entwicklung.

Zwar wurden EU-Mittel für die nachhaltige ländliche Entwicklung bereitgestellt. Erfahrungen von Mitgliedsorganisationen des WECF-Netzwerks zeigen jedoch, dass regionale oder lokale Initiativen noch immer große Schwierigkeiten haben, diese Mittel tatsächlich zu erhalten und einzusetzen. Denn ein Großteil dieser Mittel wird nicht direkt durch die Europäische Kommission vergeben, sondern indirekt über die nationalen und regionalen Landwirtschaftsbehörden. In einigen Ländern profitieren von diesen nationalen und regionalen Mitteln immer wieder dieselben Gruppen, so dass neue, innovative Programmen nur schwer Zugang zu Finanzmitteln finden. In anderen Ländern behindert vor allem die Antragsbürokratie neue, innovative Programme.

Katalysatoren einer nachhaltigen ländlichen Entwicklung sind Vorschriften, die den Einsatz gefährlicher Chemikalien und riskanter Technologien in der Landwirtschaft einschränken. Nutzlich sind auch Vorschriften, die den Schutz der landwirtschaftlichen Vielfalt, die nachhaltige nicht-landwirtschaftliche Nutzung und den Schutz der Landschaft fördern. Weitere Maßnahmen und Strategien, die eine nachhaltige ländliche Entwicklung fördern, sind grüne Beschaffungsrichtlinien bei Behörden und dem privaten Sektor, die Kooperation zwischen Produzenten und Konsumenten sowie zwischen Landwirten und Wasserlieferanten und sektorübergreifende Partnerschaften. Das Förderprogramm für Landwirte in benachteiligten Regionen der EU (Less Favoured Area, LFA) ist ebenfalls ein wichtiges Werkzeug, das Landwirte in durch die Natur benachteiligten Regionen (gebirgige, trockene, durch Waldbrände gefährdete etc. Regionen) finanziell unterstütz. Alle Aktivitäten, die lokale Märkte stützen, das Einkommenspotential durch den Schutz der (landwirtschaftlichen) Artenvielfalt erhöhen und die lokale Wiederverwendung von Wasser und Nährstoffen unterstützen, fördern auch die nachhaltige ländliche Entwicklung.

Ein weiteres EU-Programm soll helfen, Europas seltene Haustierrassen und Feldfrüchte zu erhalten. Derzeit gibt es in Europa noch immer mehr als 2300 Haustierrassen, mehr als irgendwo anders in der Welt. Sie haben sich in Jahrhunderten lokaler landwirtschaftlicher Tradition entwickelt und sind deshalb besonders gut an ihre Umwelt angepasst. Viele sind jedoch inzwischen durch veränderte landwirtschaftliche Methoden massiv bedroht.

Die strategischen Richtlinien der Gemeinschaft zur ländlichen Entwicklung für die Programmperiode 2007 bis 2013 (2006/144/EC) betonen die Bedeutung und den Beitrag des Sektors Landwirtschaft und Ernährung für die nachhaltige Entwicklung ländlicher Räume. Die Kommission besteht auch darauf, dass Mitgliedsstaaten zivilgesellschaftliche Organisationen in Entwurf und Implementierung von Entwicklungsplänen für den ländlichen Raum einbeziehen.

Chancen

WECF tritt für nachhaltige (regionale, organische, faire) Anbau- und Konsummuster ein, denn sie sind eine Lösung für die derzeit kritische Situation der ländlichen Entwicklung in Europa. Das schließt alle Maßnahmen ein, die lokale Märkte stärken und das regionale Einkommenspotential erhöhen während sie gleichzeitig die (landwirtschaftliche) Artenvielfalt schützen und die lokalen Wiederverwendung von Wasser und Nährstoffen fördern.

Wir werben für den Schutz der (landwirtschaftlichen) Artenvielfalt besonders deshalb, weil die EU ihr Ziel hinsichtlich des Artenschutzes bis 2010 wahrscheinlich nicht erreicht. Deshalb werden wir in Maßnahmen investieren, die den Verlust der Artenvielfalt stoppen.

Wir treten für Vorschriften ein, die den Einsatz gefährlicher Chemikalien und riskanter Technologien in der Landwirtschaft verringern. Wir wollen Gesetze, die den Schutz der (landwirtschaftlichen) Artenvielfalt, die nachhaltige nicht-landwirtschaftliche Nutzung der Landschaft und ihren Schutz fördern.

Wir setzen uns für eine grüne Beschaffungspolitik bei Behörden und im privaten Sektor sowie multisektorale Partnerschaften ein, zum Beispiel zwischen Produzenten und Konsumenten oder zwischen Landwirten und Wasserlieferanten.

Wir schärfen das Bewusstsein für die notwendige Transformation hin zu nachhaltigen Anbau- und Konsumpraktiken und weg von Intensivlandwirtschaft, Tierfrabriken oder dem Einsatz von Pestiziden und genmanipulierten Organismen. Dazu machen wir entsprechende politische Vorschläge.

Unser wichtigstes Argument ist, dass Intensivlandwirtschaft auch nach aktuellen Erkenntnissen der weltweiten Fachöffentlichkeit ökonomisch und ökologisch nicht nachhaltig ist. Deshalb werden wir uns bei der Reform der EU-Agrarpolitik für Nachhaltigkeit und Gemeinwohlkriterien einsetzen.

UN-Prozesse

WECF organisiert die Frauengruppe der Konvention zur Biologischen Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) mit. Wir ermöglichen Frauen aus Graswurzelbewegungen, ihren Standpunkt in den CBD-Prozess einzubringen: Sie fordern die Integration von Vereinbarungen in die CBD, die den Zugang zu finanziellen Mitteln und die Verteilung der Gewinne aus der Nutzung der Artenvielfalt so regeln, dass von diesen Vorteilen und Gewinnen die Ureinwohner der betreffenden Region profitieren.

Während der Konferenz der Vertragsparteien der CBD 2008 organisierte WECF die zweiwöchige Frauenversammlung, zunächst während des vorbereitenden Bürgerforums „Planet Diversity“ und anschließend während der offiziellen Verhandlungen. Wir produzierten einen Dokumentarfilm mit den wichtigsten Aussagen von Frauen aus aller Welt und präsentierten ihn auf dem „Planet Diversity“.

Klimawandel und Artenvielfalt

Das Sekretariat der Konvention zur Artenvielfalt (Secretariat of the Convention on Biological Diversity, SCBD) ist der Meinung, dass Artenvielfalt und Klimawandel eng miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen: Die Artenvielfalt wird durch den vom Menschen verursachten Klimawandel bedroht, aber gleichzeitig können Biodiversitäts-Ressourcen die Einflüsse des Klimawandels auf Menschen und Ökosysteme verringern. Es gibt zahlreiche Beweise dafür, dass der Klimawandel die Artenvielfalt beeinflusst. Gemäß den Millennium Ecosystem Assessment (MEA) ist es wahrscheinlich, dass der Klimawandel bis zum Ende des Jahrhunderts zum dominanten direkten Treiber des Artenverlusts wird. Schon jetzt zwingt er Arten, sich entweder durch das Aufsuchen neuer Lebensräume, veränderte Lebenszyklen oder die Entwicklung neuer physischer Fähigkeiten anzupassen.

Gleichzeitig spielt die Artenvielfalt eine wichtige Rolle bei der Anpassung an den Klimawandel und beim Klimaschutz. Beispielsweise kann die Konservierung von Lebensräumen die Kohlendioxidmenge reduzieren, die in die Atmosphäre emittiert wird. Derzeit schätzt man, dass Entwaldung für etwa 20 Prozent der vom Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen verantwortlich ist. Darüber hinaus können zum Beispiel die Konservierung von Mangrovenwäldern und trockenresistente Feldfrüchte verheerende Auswirkungen des Klimawandels wie Flutkatastrophen und Hungersnöte verringern.

Die Widerstandsfähigkeit von Ökosystemen kann durch eine auf Artenvielfalt basierende Anpassungs- und Klimaschutzstrategie erhöht, das Risiko, menschliche und natürliche Ökosysteme zu zerstören, verringert werden. Klimaschutz bedeutet menschliche Eingriffe zur Reduktion der Quellen von Klimagasen oder verbesserte Kohlenstoffabscheidung. Unter Anpassungsstrategien versteht man die Anpassung natürlicher oder humaner Systeme als Antwort auf klimatische oder andere Stimuli oder ihre Auswirkungen, so dass entweder Schäden minimiert oder sich bietende Chancen ausgenutzt werden.

Angesichts der engen Verknüpfungen zwischen Klimawandel und Biodiversität ist es notwendig

  1. Komponenten der Artenvielfalt zu identifizieren, die besonders empfindlich auf den Klimawandel reagieren,

  2. intakte Lebensräume zu erhalten, um die langfristige Anpassung der bestehenden Artenvielfalt zu ermöglichen,

  3. unser Verständnis der Verknüpfungen zwischen Klimawandel und Biodiversität zu vertiefen und

  4. das Thema Artenvielfalt vollständig in alle Anpassungs- und Klimaschutzpläne zu integrieren.

Beispiele für Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel sind:

  • die Erhaltung und die Restaurierung von naturbelassenen Ökosystemen

  • der Schutz und die Verbesserung von Ökosystemdiensten

  • das Management der Lebensräume gefährdeter Arten

  • die Schaffung von Rückzugs- und Pufferzonen und

  • die Vernetzung terrestrischer, Süß- und Salzwasserschutzgebiete, die den vorhersehbaren Klimawandel einkalkulieren