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WECF im Interview mit der Welthungerhilfe zu SDG 2 – Kein Hunger

„Frauen und Mädchen stärken, heißt den Hunger besiegen“

15.06.2018 |




Antje Paulsen, Referentin für Globales Lernen, Stabstelle Politik und Außenbeziehung.

Handlungsfeld SDG 2 der Welthungerhilfe

Die Welthungerhilfe bekämpft Hunger und Armut vor allem in den ländlichen Gebieten von Entwicklungsländern.  In Deutschland machen wir Bildungs-, Öffentlichkeits- und Advocacyarbeit zum Thema Hunger. 


Wie schätzen Sie die aktuelle Situation zu SDG 2 in Deutschland ein und in den Ländern, in denen die Welthungerhilfe aktiv ist?

In Deutschland wird vor allem das Thema Übergewicht in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie angesprochen, denn die Rate der betroffenen Personen ist alarmierend hoch.

„Frauen sind ganz klar benachteiligt“

Weltweit hingegen gibt es noch immer 815 Millionen Hungernde - 60% davon sind Frauen. Frauen sind ganz klar benachteiligt. Weltweit leben 300 Millionen Frauen von weniger als 1.90 USD$ pro Tag. Das sind 4.4 Millionen mehr Frauen als Männer, die einer größeren finanziellen Armut ausgesetzt sind. Frauen sind auch aufgrund ihres eingeschränkten Zugangs zu Bildung, Land, Werkzeugen und zu Wissen über landwirtschaftliche Praktiken benachteiligt. Ein Thema, das wir auch zunehmend aufgreifen, ist das Thema der Nahrungsmitteldiskriminierung. Nahrungsmitteldiskriminierung bedeutet, dass Frauen die ‚Leftovers’ bekommen, also was übrigbleibt, und das sind sehr selten die guten nährreichen Lebensmittel. Diese Art der Diskriminierung ist oft auf kulturelle Vorstellungen und teilweise auch Aberglaube zurückzuführen. Das gab es auch lange Zeit in europäischen Ländern. Gerade in der Schwangerschaft und beim Stillen besteht ein besonders hoher Nährstoffbedarf. Wenn dieser durch Mangelernährung nicht gegeben ist, wirkt sich das gravierend auf Babys aus.  


Mit welchen Aktivitäten versucht die Welthungerhilfe SDG 2 zu erreichen?

Die Welthungerhilfe ist vor allem in ländlichen Gebieten in Entwicklungsländern aktiv. Aktivitäten erfolgen mit Blick auf Landwirtschaftsorganisationen, standortgerechte und diversifizierte Landwirtschaft, agrarökologische Ansätze, Bodenerosionsschutz, Wasser, Sanitär und Hygiene, sowie ausgewogene und ausreichende Ernährung.  

„Hätten Frauen den gleichen Ressourcenzugang, könnten wir die Hungerrate
um 
12 – 17% reduzieren

Projekte und Programme verfolgen dabei gender-sensitive und -transformative Ansätze. Besonders wichtig ist die Zusammenarbeit mit Frauen und Männern, um nicht nur auf das Thema Ungleichheit und die Mehrbelastung von Frauen aufmerksam zu machen, sondern auch um Verbesserungen für Frauen wie Entlastungen, mehr Entscheidungsmacht und Kontrolle über Ressourcen zu erwirken. Hierfür ist es wichtig, dass wir gendersensitive Daten erheben, um Ungleichheiten besser entgegenwirken zu können. Denn hätten Frauen den gleichen Ressourcenzugang, könnten wir Hunger in einem viel besseren Maße bekämpfen und die Hungerrate um 12 – 17% reduzieren, oder in Zahlen ausgedrückt, 100-150 Millionen Menschen aus der Hungersnot herausholen.

Aufgrund von Mangelernährung versucht die Welthungerhilfe auch das Thema gesunde Ernährung aufzugreifen, um nicht nur die Produktivität in der Landwirtschaft und Aufnahme von Kalorien zu steigern, sondern eine ausgewogene und nährstoffreiche Ernährung sicherzustellen. Hier sind die Frauen an den Schnittstellen, denn sie bilden die Mehrheit in der landwirtschaftlichen Produktion, und sind auch diejenigen, die für die Ernährung der Familie zuständig sind. Dort muss auch angesetzt werden, bspw. mit Kochkursen und Ernährungsberatungen. Hierbei ist auch die Zubereitung der Gerichte wichtig, um einen Nährstoffverlust beim Kochen zu vermeiden. Die richtige Ernährung hängt unter anderem mit dem Einkommen zusammen, denn rein kalorienhaltige Produkte sind billiger als Gemüse und Obst, sie ist aber insbesondere auch auf Bildung zurückzuführen.  

           


Mit welchen Aktivitäten in Deutschland versucht die Welthungerhilfe SDG 2 zu erreichen?

Wir entwickeln Bildungsmaterialien, z.B. unsere Unterrichtsreihe zum Thema Geschlechtergerechtigkeit „Frauen und Mädchen stärken, heißt den Hunger besiegen“. Neben einem globalen Bezug machen diese Materialien darauf aufmerksam, dass es auch Geschlechterungleichheiten in Deutschland gibt. Auch die Studie ‚Global Early Adolescent Study’ zeigt unter dem Thema der ‚Zwangsjacke der Geschlechterrollen’, dass nach wie vor unter jungen Leuten tradierte Geschlechterrollen vorhanden sind. Unsere Materialien dienen als Hilfestellung für Lehrkräfte, um Geschlechtergerechtigkeit und Geschlechterrollen interaktiv im Unterricht aufzugreifen, über die geschichtliche Entwicklung in Deutschland zu informieren, sexistische Sprüche und Kampagnen wie #metoo zu diskutieren und Lösungsansätze aufzuzeigen.  

„Ungleichheiten stehen in direktem Zusammenhang mit Hunger und Armut“ 

Damit wollen wir Geschlechterrollen und Erwartungen an Jungen und Mädchen in Deutschland in Frage stellen und einen Beitrag zu transformativer Genderarbeit leisten. Denn Ungleichheiten stehen in direktem Zusammenhang mit Hunger und Armut, so dass im Umkehrschluss, die Förderung von Frauen und Mädchen, eine der effektivsten Maßnahmen in der Entwicklungszusammenarbeit ist.

In Deutschland leisten wir zudem Advocacy Arbeit. Wir arbeiten zu Themen wie das Recht auf eine ausreichende und ausgewogene Nahrung und zu der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Aktuell läuft ein Konsultationsprozess zur Aktualisierung der Nachhaltigkeitsstrategie. Es geht darum, einen weiteren Indikator zur Messung des deutschen Beitrags zur Hungerbekämpfung zu integrieren. Die Förderungen des ländlichen Raums und der ländlichen Entwicklung stehen hierbei mit im Mittelpunkt. Wir veröffentlichen zudem jedes Jahr zwei Berichte, u.a. den ‚Welthungerindex’ zur weltweiten Messung des Hungers und mit politischen Empfehlungen zur Hungerbekämpfung. Mit diesen Instrumenten gehen wir auf entsprechende Fachpolitker*innen zu und schaffen das Umfeld für die Umsetzung der richtigen Politiken. 

„Investitionen vor Ort müssen Arbeit generieren und
zum Wohle der Menschen sein“ 

Wir arbeiten sehr intensiv an einem ‚Food and Security Standard’. Es läuft hierzu gerade ein Pilottest mit 6 großen Unternehmen. Die Lebensmittel, die im Ausland angebaut bzw. aus dem Ausland bezogen werden, dürfen nicht dem Menschenrecht auf Nahrung zuwiderlaufen und Menschen dürfen nicht von ihren Landflächen verdrängt werden. Investitionen vor Ort müssen Arbeit generieren und zum Wohle der Menschen sein. Zudem sollen Zivilgesellschaften gestärkt werden, damit diese auch mit Regierungen vor Ort ins Gespräch kommen, um Verträge so zu gestalten, dass sie Menschenrechtsstandards entsprechen.
 

Welche Forderungen haben Sie an die Politik in Hinblick auf SDG 2 und die Agenda 2030?

Ganz allgemein die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie. Aber vor allem die Förderung ländlicher Entwicklung und die Umsetzung der freiwilligen Leitlinien zum Recht auf Nahrung, und die Einhaltung der Leitlinien zu Responsible Agricultural Investments. Darüber hinaus engagieren wir uns an der globalen Bildungskampagne, und in diesem Zusammenhang sollte die Förderung der Grundbildung aufgestockt werden


Was kann jede(r) von uns als Bürger tun, um zur Umsetzung des SDG 2 beizutragen?

Wichtig ist, dass wir uns engagieren, um Strukturen zu verändern, dass wir uns dafür einsetzen, [...] dass die Nachhaltigkeitsoption die Standardoption ist“ 

Generell wäre ein nachhaltiger Konsum wichtig, d.h. mehr pflanzenbasierte Nahrung, ein sorgfältiger Umgang mit Ressourcen und die Vermeidung von Lebensmittelabfällen. Wir sollten aber auch unsere Mobilität hinterfragen, sowie unser Handeln und unsere Auswirkungen auf den Klimawandel. 

Wichtig ist, dass wir uns engagieren, um Strukturen zu verändern, dass wir uns dafür einsetzen, dort wo wir sind, in Schulen, Gemeinden, Institutionen, dass wir dazu kommen, dass die Nachhaltigkeitsoption die Standardoption ist. Und dass es Übereinkünfte gibt, z.B. Klassenfahrten werden nicht mehr mit dem Flieger gemacht oder dass Lebensmittel in Kantinen aus regionaler Produktion kommen. Also strukturelle und politische Arbeiten. Im Peer Review ist nochmals vorgehoben, wie wichtig es ist, in allen Ebenen, vom Kindergarten über die Grundschule, über weiterführende Schule, Berufsausbildung, Universität etc. die Nachhaltigkeitsaspekte zu integrieren. Es braucht Bildung im Sinne einer transformativen Bildung, d.h. wie kann ich Mitwirken und Mitmischen, wie kann ich Veränderungen voranbringen. Wie können Nachhaltigkeitskonzepte in der eigenen Stadt, wie bspw. Fahrradfahren, gefördert werden, d.h. sich zu engagieren wo es einem selbst unter den Nägeln brennt. Damit kann man einen großen Beitrag leisten und die negativen Auswirkungen unseres Handelns verringern. 

Hier finden Sie das gesamte Interview.

       

Die Kampagne #StopUngleichheit wird von der Europäischen Union finanziell unterstützt. Die inhaltliche Ausrichtung liegt jedoch in der alleinigen Verantwortung von WECF e.V., sie gibt unter keinen Umständen die Positionen der Europäischen Union wieder.


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